Therapie durch Poesie

    Bei der Poesie verhält es sich etwas kunstvoller, für mich aber auch einfacher. Ein Gedicht zu verfassen fühlt sich an, als würde ich das Chaos in meinem Kopf zu etwas Künstlichem machen. Ich schaffe es dadurch, mich zu distanzieren, durch Reimen zu ordnen, durch Strophen die Vergangenheit, die Gegenwart und eine mögliche Zukunft, in der ich mir vorstelle, so und so zu handeln, darzulegen. Oder ich, Verzeihung, “kotze mich einfach aus” und löse meine Aggression allein dadurch, dass ich sie erkenne und herauslasse. Der Sinn, den Zustand des Schreibenden durch eine Selbstanalyse zu verbessern, kann hier recht schnell erfüllt werden. Es trägt so zur Heilung und Entwicklung der Persönlichkeit des Schreibenden bei.

    Besonders bei krankheitsbedingten Sorgen lässt sich Poesie „mal eben, immer und überall“ einsetzen. Es geht schnell, man braucht nicht unbedingt einen PC oder Laptop oder Tablet bei sich haben. Man kann sein Smartphone genauso nutzen wie ein kleines Heftchen oder Ringbuch, das man bei sich trägt.

    Bei der Lyrik hat man verschiedene Genres, aus denen man sich etwas wählen kann:

    1. Balladen
    2. Haikus
    3. Hymnen
    4. Lieder
    5. Sonette
    6. Oden
    7. Prosagedichte
    8. Lautgedichte
    9. visuelle Lyrik

     

    Hier muss man natürlich wissen, wie diese stilistisch aufgebaut sind. Bei einem Sonett (der Klassiker unter Shakespearefans oder für alle, die Andreas Gryphius oder Schlegel kennen) hat man 14 Verse/Zeilen, die in vier Strophen gegliedert werden, mit einem festgelegten Reimschema. 10 und 11 Silben wechseln sich ab:

    Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen,
    Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
    Und wollte sehn ob ich die Liebe fände,
    Um liebevoll die Liebe zu umfassen.Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
    Vor jeder Thüre streckt’ ich aus die Hände,
    Und bettelte um gringe Liebesspende, –
    Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.Und immer irrte ich nach Liebe, immer
    Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
    Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.Doch da bist du entgegen mir gekommen,
    Und ach! was da in deinem Aug’ geschwommen,
    Das war die süße, langgesuchte Liebe.

    Heinrich Heine: Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen

    So spaßig es auch sein kann, sich an solche Gedichtformen heranzuwagen: Poesietherapie bzw. therapeutisches Schreiben zielt erst einmal darauf ab, dass man ohne Zwang und einengende Form seine Gefühle und/oder Gedanken ausdrückt. Später kann man diese immer noch in eine bestimmte Gedichtform „pressen“.

     

    Ablauf Poesietherapie: Die vier Stufen

    1. Inspiration (Eingebungen)

    Du sammelst Informationen. Das sind deine Gedanken, die der anderen, Umstände im Außen, Erfahrungen, Verletzungen, Kommendes und daran anhaftende Ideen. Aber auch Wortfetzen oder Wortgruppen, die dir in den Sinn kommen, sei es in freien Assoziationen oder während du unter der Dusche stehst: All das dient deiner Inspiration. Diese kannst du aufschreiben oder – so wie ich es mache – „in dir behalten“.

    Wichtig: Bleibe urteils- und wertfrei! Sammele, was du möchtest, egal, wie „blöd“ oder „nutzlos“ es in deinem Kopf klingen mag. Es geht bei deiner Selbstanalyse nicht darum, dass du etwas Publizierbares kreierst oder eine Perfektion abliefern sollst. Lass dir Zeit und gib deinen Gedanken ihren Raum, den sie brauchen, um sich vollends zu entfalten, ohne mit deiner linken Gehirnhälfte dazwischenzufunken.

     

    1. Inkubation (Ausbrüten)

    Hier fängst du nun an, mit den Worten, Wortgruppen oder Situationsbeschreibungen dichterisch zu spielen. Ob dir sofort Endreime oder ganze Verse einfallen oder du ohne jedes Schema einfach loslegst: In diesem Schritt verdichtest du deine Gedanken. Du kannst sie wieder löschen/wegradieren oder austauschen, ausbauen oder um zusätzliche Aspekte erweitern.

    Wichtig: Schalte auch hier den inneren Richter aus. Lass dich weder von Rechtschreibung, Grammatik, zu wenig oder zu viel Text oder Sinnlosigkeit ablenken.

     

    1. Illumination (Erleuchtung)

    In dieser Phase wirst du eine handfeste Idee haben, was du mit deinem Gedicht erreichen willst. Was will ich sagen? Was schlüpft da aus der vierten Strophe heraus? Ist das mein eigentlicher Kern? Diese Fragen werden beantwortet sein.

     

    1. Verifikation (Überprüfung)

    Finale Bearbeitung des Gedichts. Du liest deine Worte/Verse/Strophen und entscheidest intuitiv, ob das für dich stimmig ist. Falls nicht, wird es geändert.

    Silke Heimes nennt das einen „erweiterten Dialog mit dem Unbewussten“, der einem therapeutischem Prozess gleichgesetzt werden könne (vgl. Heimes, S. 20 in: Kreatives und therapeutisches Schreiben. Vandenhoeck & Ruprecht: 4. unv. Auflage, 2013). Sie verweist außerdem auf den amerikanischen Poesietherapeuten Leedy, der davon ausging, „dass sich stark emotionalisierte Themen besser im Schreiben als im direkten Dialog ausdrücken ließen und die Poesietherapie einen höheren Grad von emotionaler Einsicht vermittele als der konventionelle therapeutische Dialog (vg. Heimes, S. 24 in: vormals benannt).

    Unten Poesie- und „normalen“ Therapeuten gibt es genauso viele, die Poesietherapie in Gruppen- als auch in Einzeltherapie favorisieren. Grundsätzlich kannst du aber auch im Stillen bei dir zu Hause Poesiedenken nutzen und verfassen und dir damit heilende Unterstützung geben.

     

    Umsetzung

    Diese einzelnen Stufen klingen nach „Arbeit“, oder? Tatsächlich können ein natürlicher Gedankenprozess und seine Weiterentwicklung in poetischer Form bis hin zum Gedicht sehr schnell passieren. Der Ansatz/die Motivation ist hier ausschlaggebend:

    Nicht: Ich schreibe jetzt ein Gedicht. Wenn ich nur wüsste, worüber…
    Sondern: Ich fühle… (Angst, Freude, Aufregung, Verunsicherung, Panik, Ekel, …) wegen… (einer bevorstehenden Prüfung, einem Streit, einem wichtigen Meeting, einer Krankheit,…) und schreibe darüber ein Gedicht.

    Man legt einfach los.

     

    Beispiele

    Ich hatte vor einiger Zeit krankhafte Angst vor Menschenmassen, weiten Plätzen, Orten ohne Fluchtmöglichkeiten und ich empfand in diesen Situationen häufig Panik (Störungsbild Agoraphobie mit Panik). Egal, ob du Schreibtherapie bereits erprobt hast oder es in der Tram zum ersten Mal nutzen möchtest: Im Moment der angstbesetzten Situation (so wie ich beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln) kannst du dir deinen Block und Stift nehmen und das, was dir in den Sinn kommt, aufschreiben.

    Am 13. April 2015 entstand das nachfolgende Gedicht, in der U-Bahn. Ich hatte schon einen stressigen Morgen und meine übliche Ruhe war wie weggeflogen. In solchen Momenten packt mich die Unruhe immer sehr leicht an den Schultern. Also, Gedicht schreiben:

     

    Unbenannt

    Busse – Bahnen
    Warten, Warten
    In Ruhe sein
    In Ruhe atmen
    Ein und
    Aus und
    Ein und Aus
    Atmen
    Das ist Warten
    Durch-Atmen.

    Kleine Leute
    Große Leute
    Leise Leute
    Laute Leute
    Gesunde und Kranke
    Auch ich bin hier
    Sage mir: Danke.

    Danke für deinen Mut
    Nicht allein zu sein
    Danke für dein Leben
    Und für Augen
    Um die Welt zu sehen
    Danke für mein Leben
    Um an all dem teilzunehmen.

     

    Das Ausfeilen, also die letzte Stufe der Verifikation, geschah erst zuhause, als ich es abtippte. Aber die Stufen 1 bis 3 geschahen in weniger als 7 Minuten in der U-Bahn. Der Sinn der Schreibens liegt auch darin, dass das, was innen brodelt, erst einmal die Erlaubnis erfährt, heraus zu dürfen. So schwächt sich (hier am Beispiel meiner Angst) das Gefühl von selbst ab, allein deshalb, weil man etwas damit macht, anstatt es wegzudrücken oder sich abzulenken.

    Nachfolgendes Gedicht beispielsweise ist weder sonderlich künstlerisch, noch gehört es zu meinen eher gelungenen Gedichten. Ich schrieb es am 05. April 2015 im Zug auf dem Weg zum 80. Geburtstag meines Großvaters. Ich saß vor einer großen Gruppe von Jugendlichen, die samt Butter, gefärbten Eiern (es war Ostern), Baguette und Käse frühstückten und (leider) das gesamte Abteil unterhielten, was mich zugegebenermaßen ziemlich nervte:

     

    Der Panikzug

    Ein Zug nach nirgendwo
    Ein Wagon direkt neben dem Klo
    Drei Mädchen und drei Jungen
    Gelassen, quatschen, frühstücken
    Meine Ruhe darf bleiben
    Trotz Eiern, gefärbt, und Baguette in Stücken.

    Die Eine sagt
    Sie will so richtig fett sein
    Remoulade, Brie und etwas Schwein
    In Scheiben höre ich mich
    Bleiben.

    Entscheidung für die Hoffnung und Ruhe
    Verstaut in Gold in einer Seelentruhe
    Eine solche Reise ist völlig okay
    Ich brauche nur fühlen
    Egal, was ich höre und seh‘.

    Wie schnell man aus der Stadt raus ist, sagt sie
    Die Hände schwitzen
    Mein Herz kennt seinen Riss
    Sie dürfen bleiben –
    So wie ich:
    Ich liebe und ich schätze mich.

    Die Sonne scheint
    Ich hör‘ sie reden
    Meine Angst ist lieb gemeint
    Sie will bloß leben
    Zu viel am Morgen
    In so kurzer Zeit.

    Mal lautes Lachen
    Mal leises Reden
    Ich kann die Kraft meiner Seele lesen
    Was an den Nerven zerrt und bleibt
    Ist mein Bedürfnis
    Nach ruhiger Zeit.

    Fünf Sitze weiter
    Scheint die Sonne
    Hier viel weiter
    In meinem Kopf
    Ins Herz befreit
    Hier spüren alle wenig Leid.

    Hier ist’s schön
    Hier ist’s okay
    Auch wenn ich all
    Die Menschen seh‘.

     

    Wenn man einen etwas schwierigeren Umgang mit seinen Gefühlen hat, soll heißen: diese vielleicht nicht einfach ausdrücken kann oder sich nicht traut, und sie stattdessen eher in sich behält, sie dadurch blockiert, kann Poesietherapie wahre Wunder wirken. Sie kann Blockaden lösen und Gefühle aus ihren Ketten befreien. Poesietherapie wird sowohl in psychiatrischen, als auch krankheitsbedingten und belastenden Lebenssituationen angewandt. Sie kann genauso gut prophylaktisch genutzt werden. Heimes nennt das „Psychohygiene“ (vgl. Heimes, S. 21 in: Kreatives und therapeutisches Schreiben. o.g. Verlag: o.g. Auflage, 2013).

    Reflektierende Gedichte sind genauso möglich wie spontane. Hier sind den Themen keinerlei Grenzen gesetzt, da du nicht im Moment schreibst, sondern davor oder danach. Auch in Bezug auf Krankheiten kann man hier einen distanzierenden und entlastenden Blick auf die Problematik schaffen. In Verbindung mit „normalen“ Schwierigkeiten wie die in einer Beziehung, mit der Familie, dem Alltag, dem Job lassen sich Gedichte als präventive Maßnahme nehmen, um sich selbst näher zu erfahren und „zu lassen“. Poesietherapie kommt damit einem „Akzeptieren“ gleich, eine gesunde Annahme des Ist-Zustands, mit Blick auf die verschütteten und unliebsamen Seiten seines Selbsts: Who’s afraid