Schreibtherapie: Heilung durch Schreiben

    Schreib- und Poesietherapie lässt sich als kreative und therapeutische Methode zu einem reflektierten Verarbeiten von persönlichen Krisen, Schwierigkeiten aller Art, Ängsten, Depressionen und anderen psychischen Störungsbildern sowie Krankheiten aller Art bezeichnen. Es handelt sich dabei um eine ganz individuelle Lösungsstrategie, die überall und immer anwendbar ist und zu einem unterstützenden Heilungsprozess bzw. dem gesunden Umgang mit alltäglichen Problemen, aber auch Krankheiten führen kann.

    Sei es als Gedicht (Poesietherapie) oder als Kurzgeschichte, Geschichte, Drama, Roman, als autobiografisches Werk in allen Formen, lässt sich Schreiben als Spiegel unserer Gefühlswelten und Ich-Perspektiven verwenden.

    Schreiben kann zum Beispiel helfen,

    • wahrhaftige Einsicht, Zugang zu sich selbst und zu anderen Menschen,
    • einen Schlussstrich,
    • ein Fazit,
    • eine mögliche Lösung oder Lösungsansätze für ein „Problem“,
    • ein verborgenes, unbewusstes Wissen,
    • eine bereits unbewusst gefällte Entscheidung hervorzubringen oder
    • hartnäckige Gefühle,
    • Kummer und Trauer, Enttäuschung und Wut,
    • Glücksmomente, Freude und Erfolg in kleinen und großen Schritten,
    • Ängste und Sorgen,
    • Depressionen, körperliche Erkrankungen u.v.m.

    zu verarbeiten. Mit allen Gefühlen, die so in uns herumschwappen, mal laut, mal leise. Dich vielleicht nachts nicht einschlafen lassen oder schon am Morgen wieder „Hallo, da bin ich!“ rufen, wie kleine Quälgeister oder auch wie angsteinflößende Poltergeister.

     

    Für wen ist Schreibtherapie gedacht?

    Man muss nicht „krank“ sein, um Schreiben therapeutisch für sich zu nutzen. Damit ist Schreiben für jeden, der sich schriftlich besser ausdrücken kann oder sich eher traut, dort auf dem Blatt Papier oder in dem Worddokument so zu sein, wie er wirklich ist und sein möchte. Schreiben ist damit eines der vielen erfolgreichen Werkzeuge, um sich besser kennenzulernen und zu reflektieren.

    Wer traurig ist, des Glückes fern,
    verzagt und ohne Mut,

    der musizier, schreib ein Gedicht,
    und schon wird alles gut.

    © Oskar Stock (*1946), deutscher Schriftsteller und AphoristikerQuelle: Verlag Hanskarl Hornung

    Man kann es genauso als Schreibcoaching, in Form einer Selbsthilfe, nutzen und so seine persönlichen Ziele, Visionen, gewünschte Umorientierungen, von außen erzwungene Veränderungsprozesse und dem Umgang damit, Form annehmen lassen.

     

    Wie funktioniert Schreibtherapie und worüber schreibe ich?

    Da braucht man doch Talent für, oder? Ich bin kein Dichter, kein Schriftsteller… Ich verstehe davon nichts.

    Nein, man braucht bislang (noch) nicht als Autor entdeckt worden sein und auch nichts veröffentlicht haben. Man muss nicht Literatur studiert haben. Ob du „Talent“ hast oder nicht, entscheidest du. Aber mit ein wenig Wissen über die vielen Möglichkeiten und einigen stilistischen Mitteln an der Hand, kann man auch ohne Erfahrung und ohne Rilke, Hemingway oder Goethe zu kennen, Wunderbares mit seinen Gefühlen in Schriftform erschaffen. Man braucht lediglich

    1. ein wenig Zeit
    2. Muße und Lust am Schreiben
    3. Papier und Stift bzw. einen PC

    Als klar wurde, dass ich eher introvertiert bin und ich meine Gefühle schriftlich besser erspüren und ausdrücken kann, ich mich auf dem Blatt Papier eher öffnen konnte als vor den Menschen selbst, beschloss ich, wieder mit dem Schreiben zu beginnen. Vielleicht erkennst du dich hier schon wieder?

    Aber auch extravertierte Menschen können eine ungeahnte introvertierte Seite haben, die nur nicht so stark ist wie die andere. Vielleicht bist du fantastisch darin, ganz offen und ehrlich mit Freunden und deiner Familie zu sprechen, fühlst dich aber im Job eher ausgegrenzt bzw. erlebst dort Kollegen, die irgendwie immer eher am Ball sind als du…oder schneller…oder einen besseren Draht zum Vorgesetzten haben…oder…du kannst deine Ansprüche, deine Ideen oder Forderungen nicht so leicht in Worte packen… Die Beispiele sind endlos. Jeder besitzt beide Seiten und jeder kann beide nutzen, so wie seine rechte und linke Gehirnhälfte, die beim therapeutischen bzw. kreativen Schreiben vereint werden.

     

    Die Gedanken kleckern

    Nicht jedes Gefühl, nicht jeder Gedanke oder jede Idee kann gleich so raus, wie man möchte. Oft hören wir leise Wut oder Ärger, Trauer oder Angst in uns, ohne dass wir wirklich definieren können, wie dieses Gefühl aussieht und was wir damit tun sollen. Oft sagen wir bestimmte Sachen eben nicht, aus Angst vor Konfrontation oder Scham, Schuld, Rücksicht, Ablehnung…

    Aber die Gefühle in uns bleiben somit auch in uns. So wie auch die vielen Ideen zu beruflichen Projekten oder den Anpassungsschwierigkeiten wegen dem bevorstehendem Zusammenziehen mit dem Partner oder die Diskussionen mit den Eltern oder verschüttete Erfahrungen und Gefühle von früher.

    Schreiben kann dabei helfen,

    sich seinen Gefühlen (wie Traurigkeit, Ekel, Überraschung, Freude, Scham, Ärger, Furcht, Interesse-Neugier) und Emotionen (alles, was nach dem Auftauchen des Gefühls in uns geschieht, dem folgt) anzunähern, sie zu neutralisieren und sich über den Umgang mit ihnen bewusst zu werden, Distanz zu seinen Sorgen herzustellen.

    Das lässt sich auf alle Bereiche des Lebens beziehen.

    Wilhelm Busch erschuf dieses Gedicht, bezogen auf Poesietherapie, ein schönes Beispiel, was jemand, der alles „raus“schreibt, für sich bewirken kann:

    Wie wohl ist dem, der dann und wann
    Sich etwas Schönes dichten kann.

    Der Mensch, durchtrieben und gescheit,
    Bemerkte schon zu alter Zeit,
    Daß ihm hienieden allerlei
    Verdrießlich und zuwider sei.
    Die Freude flieht auf allen Wegen;
    Der Ärger kommt uns gern entgegen.
    Gar mancher schleicht betrübt umher;
    Sein Knopfloch ist so öd und leer.

    […] der Dichter. – Stillbeglückt
    Hat er sich was zurechtgedrückt
    Und fühlt sich nun in jeder Richtung
    Befriedigt durch die eigne Dichtung.

    Wilhelm Busch, Quelle: „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“ (1883)

     

    Finde deine Nische.

    1. Wähle deine Oberfläche: loses Papier, Ringbuch, Tagebuch, Skizzenbuch, Notizbuch, Word oder andere Textverarbeitungssoftware, Blog, Foren, Facebookseite, Twitter, Google+…
    2. Probiere verschiedene Darstellungsformen aus: Gedichte, Haikus, Kurzgeschichten,  Geschichten, Berichte, Porträts, Theaterstücke (sog. Psychodrama) oder beginne/verbleibe beim klassischen Tagebuch.
    3. Schreibe jeden Tag, jede Woche, jeden Abend, jeden Morgen, wann immer du möchtest und wann immer etwas in dir brodelt und „raus“ möchte. Je mehr Übung man bekommt, je öfter man schreibt, desto leichter fällt es von Tag zu Tag. Du kannst lernen, diese Nische in dir zu öffnen und alles herausschwappen zu lassen.

    Man kann ohne ein bestimmtes Genre einfach loslegen und das von Ulrike Scheuermann entwickelte „Schreibdenken“ nutzen, indem man für eine bestimmte Zeit, idealerweise täglich morgens, mittags und abends einfach schriftlich denkt. Für sich allein entwickelt man beim Schreiben seine Gedanken oder Konzepte, Meinungen oder Vorgehensweisen – bevor oder nach einem Ereignis, oder ganz ohne äußeren Anlass. Um zu reflektieren, sich zu regenerieren oder den Kopf frei zu bekommen. Sei das Thema beruflich oder privat: „Schreibdenken“ kann da anpacken, wo andere schon lange Ideen, Gefühle oder Probleme erörtert, zusammengefasst oder losgeworden sind. Besonders introvertierten Menschen, die etwas länger und mehr Ruhe um sich herum brauchen beziehungsweise bei denen das unterstützend wirkt, kann Schreibdenken helfen, Blockaden zu lösen.

    Ich kann das nur bestätigen, auch wenn ich Lyrik- bzw. Poesiedenken für mich nutze. Es bringt für mich alles Chaotische, Lose in eine feste und strukturierte, mit Reimen und stilistischen Mitteln farbige Form, die sich nicht mehr so erstickend oder ungeordnet anfühlt, wenn ich das Gedicht erst einmal beendet habe. Ich nutze das sogar in der Bahn morgens auf meinem Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause, nach einem stressigen Gespräch im Job oder sogar während Telefonaten, in denen ich meine Stimme an den anderen „verliere“.

     

    Die gesundheitlichen Vorteile

    Was passiert beim therapeutischen Schreiben, bei der Schreibpoesie? Alles, was du möchtest, ist wohl die einzig korrekte Antwort.

    Auf der biologischen Ebene: Wir leeren unseren Geist und schaffen Platz für Neues. Wir finden Lösungen oder einen neuen Zugang zu vormals schwierigen Umständen.

    „Eine Welt, eingeschlossen in einen Menschen: Das ist der Dichter.“
    Victor Hugo

    Auf der psychologischen Ebene: Der Berliner Dozent für Kreatives Schreiben, Claus Mischon, beschreibt kreatives Schreiben als „Probehandeln“ (vgl. Seite 211 in: Die Macht der Worte (2013). Diehm, Susanne und Firnkes, Michael. Verlag: mitp.), ohne unseren inneren Diktator. Damit ist unser negatives Gewissen unseres Über-Ichs, unser innerer Richter, gemeint. Ohne Regeln und ohne jede Vernunft, wider der deutschen Duden-Sprache und seinen Regeln, darf und kann man nach Lust und Laune schreiben und so eine neue Perspektive auf alles und jeden gewinnen. Zu der vormals so überbedeutenden Angelegenheit kann man schreibend mehr Distanz herstellen, kann einen wieder nach Hause bringen, wie Mischon (vgl. Seite 212) es formuliert. Es ist eine Reise zurück zu uns selbst, die nachweislich gesundheitsfördernd und therapeutisch ist.

     

    Schreiben befreit

    Dabei kann es auch geschehen, dass man sich erst einmal durch die freiwillige Konfrontation mit einem Thema in die schwierige Situation „zurückschreibt“, die mögliche Angst oder Trauer dahinter erneut fühlst oder beispielsweise bei phobisch- oder depressiv strukturierten Persönlichkeiten ein Wiederaufwallen der Symptome hervorgerufen wird. Diese klingen aber danach wieder ab. Indem man seine Gefühle greifbar macht, kann man sie automatisch eher „steuern“ und positivieren bzw. neutralisieren.

    Gedichte sind Erfahrungen in Gefühl…

    ©Hans-Christoph Neuert und Elmar Kupke, deutsche Dichter, Essayisten und Aphoristiker. Quelle: »Lyricon 1«

    In dem du dich mit einem Thema konfrontierst, verleihst du ihm eine Form, du hälst das Thema quasi in deinen Händen, fühlst dich weniger als Opfer, da du selbst entscheidest, dich diesem Thema zu stellen. Insofern du beim Schreiben versuchst, immer auch die „helle“ Seite des dunklen Raums zu finden, wirst du immer wieder im Schreiben zu dir und deinen Möglichkeiten zurückfinden. Schreiben ist für dich da und dient all dem, was ich oben beschrieb. Es ist deine Wahl der Verarbeitung.

    Dass man mit Schreiben sehr viel an die Oberfläche bringen und dann weiterverarbeiten kann, hatte ich bereits weiter oben erwähnt. Dass Lernen eines gesunden Umgangs mit Krankheiten beispielsweise, seien es körperliche oder psychische, ist ebenfalls ein sehr großer Vorteil auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Das Schreiben wird damit sinn- und identitätsstiftend. Es dient dir und deinem Empfinden, deiner Bewältigung, deinem Wohlergehen und lässt den nötigen Raum für die „schwachen“ Momente, in denen man unter seiner Krankheit leidet. Der Umgang mit den damit verbundenen Schmerzen oder Symptomen und das Abtransportieren dieser in schriftliche Abgüsse über seine leidbesetzten Stunden, kann im Schreiben spielerisch geschehen. Plötzlich kann man (wieder) alles oder etwas Bestimmtes und gleichzeitig befreit man die Trauer um das, was man nicht (mehr) kann oder was als schwierig bis unmöglich erfahren wird.

    Seine Gefühle, besonders auch die negativen, zu befreien, ist, als würde man aus seinem eigenem Gefängnis herausgeworfen werden.