Meine Oma schreibt jedes Jahr am selben Tag einen Brief. Sie ist bereits Tage vorher ganz durcheinander. Mal ist sie glücklich und lacht, ohne dass jemand den Grund kennt. Dann ist sie wieder still und nachdenklich. Ich sehe mir dieses Schauspiel nun seit 10 Jahren an und wundere mich von Jahr zu Jahr mehr.

    Also beschloss ich gestern, dass ich meine Mama fragen würde. Mama steht gerade in der Küche und backt einen Kuchen. Sie ist dann oft kurz angebunden, aber einen besseren Zeitpunkt wird es nicht geben, denn nachher kommt ihr Lieblingsfilm im Fernsehen und da muss jeder mucksmäuschenstill sein.

    „Mama, warum ist Oma immer so eigenartig, wenn sie Briefe schreibt?“ frage ich sie, während sie gerade die Eier in die Schüssel gibt.

    „Das ist immer so, Schatz. Kurz vor dem 23. August ist sie für einige Tage eine andere Person. Mach dir keine Gedanken deswegen. Das vergeht wieder. Gibst du mir das Geschirrtuch hinter dir, bitte?“ antwortet Mama. Sie scheint mein Interesse nicht ernstzunehmen.

    „Was ist denn morgen?“ frage ich sie.

    Mama kann Backen nicht leiden. Sie kocht die besten Nudeln der Welt und macht die leckerste Suppe auf dem ganzen Planeten, aber ihre Kuchen schmecken wie trockene Waschlappen. Wenn sie dann noch beim Backen gestört wird…!

    „Schatz, muss das denn unbedingt jetzt sein? Lass uns ein anderes Mal darüber sprechen, ja?“ gibt sie kurz zurück.

    Zeitpunkt verpasst.

    Zum Glück kommt gerade jetzt Papa nach Hause, gibt Mama und mir einen Kuss zur Begrüßung und huscht dann schnell in seine Schlappen. Ich gehe zu ihm ins Wohnzimmer und setze mich unauffällig auf den Sessel. Er sitzt auf dem Sofa und liest die Zeitung. Papa ist ein riesiger Fußballfan. Ich kann das nicht verstehen, weil ich Bälle lieber in die Luft werfe und auffange, anstatt sie mit den Füßen zu treten und in ein Tor zu schießen.

    Ich räuspere mich ein wenig, damit Papa schon einmal merkt, dass ich da bin. Ich wackele mit den Beinen und warte, dass er mich wahrnimmt, aber er sieht weiterhin vertieft in seine Zeitung. Erwachsene nach der Arbeit sind unerhört unaufmerksam. Ich hole also tief Luft und beschließe, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

    „Du, Papa?“ stimme ich mich ein. Papa schaut nicht einmal zu mir hoch, sondern murmelt nur ein: „Hm?“

    „Warum schreibt Oma am 23. August immer einen Brief?“ frage ich leise.

    „Mach dir keine Gedanken, Kleines. Das ist schon so, seit ich sie kenne. Das versteht keiner so richtig.“

    Wenn ich etwas Falsches getan habe, sagen sie, ich solle einmal kräftig darüber nachdenken. Wenn ich aber allein nachgedacht habe, raten sie mir, nicht weiter darüber nachzudenken. Von wegen Kinder seien komisch!

    Ich schnaufe in mich hinein und denke über meine weitere Vorgehensweise nach. Es muss einen Weg geben, um herauszufinden, was mit Oma los ist. Ich gehe nochmals in die Küche zu Mama und probiere es mit einem gewissen zeitlichen Abstand.

    „Mama? Kann ich dir helfen?“

    „Ach, Schatz. Nein, du. Ich komme schon zurecht. Spiel‘ doch lieber was Schönes. Ich bin hier gleich fertig“, sagt sie eher angestrengt.

    Ich gehe wieder ins Wohnzimmer zu Papa und probiere auch dort nochmals mein Glück.

    „Du, Papa?“

    „Hm?“ huscht es nur wieder aus seiner Ecke.

    „Mama braucht Hilfe beim Kuchenbacken!“ Papa schaut von seiner Zeitung hoch. Na endlich, ein Lebenszeichen.

    „Dann hilf‘ ihr doch bitte!“ Und schon liest er wieder weiter.

    „Sie will aber nicht, dass ich ihr helfe. Dabei ist es klar wie Kloßbrühe, dass sie Hilfe braucht“, flunkere ich mit voller Absicht. Ich hatte in der Zwischenzeit einen Plan ausgeheckt, der mir vielleicht die nötigen Informationen geben könnte, die ich über Omas geheimnisvolle Briefe haben wollte.

    Papa stöhnt: „Frag‘ sie doch bitte nochmal. Vielleicht hat sie es sich in der Zwischenzeit anders überlegt“, kontert er. Das macht Papa manchmal, wenn er nicht nachgeben will. Er mausert solange herum, bis man ihn in Ruhe lässt.

    Ich gehe in die Küche zurück und sehe Mama, wie sie versucht, den viel zu dünnen Teig mit noch mehr Mehl anzudicken. Ich weiß schon jetzt, dass der Kuchen wieder nichts wird. Wir sind alle darauf gefasst.

    „Mama? Papa möchte, dass ich dir helfe“, sage ich blauäugig.

    Mama stöhnt, stellt ihre Schüssel ab und sackt etwas in sich zusammen. Dann schüttelt sie den Kopf und sagt:

    „Nein, ich fürchte, das wird ein Kuchen mehr auf der Liste!“

    Ich grinse und gehe wieder zu Papa. Ich erzähle ihm, dass Mama meine Hilfe nicht möchte und flunkere von Neuem:

    „Sie will meine Hilfe nicht. Sie will deine!“ Papa schaut genervt von seiner Zeitung hoch, faltet sie feinsäuberlich in seinem Schoß und sieht mich fragend an. Ich stehe nur da und grinse ihn an. Er greift in seine Brieftasche und fragt mich:

    „Warum kaufst du dir nicht unten ein Eis und ich sehe in der Zwischenzeit, ob ich Mama tatsächlich unterstützen kann?“

    „Ich kann sie nochmal fragen gehen, wenn du möchtest“, kontere ich. So leicht mache ich es ihm dieses Mal nicht. Er sieht mich wieder an.

    „Ich könnte Mama allerdings überreden, dass ich einen Kuchn vom Bäcker hole. Dann kann sie gleich ihren Film sehen und ist nicht so genervt.“

    Papa nickt. Er scheint meinen Plan Idee gut zu finden. Doch dann kräuselt er seine Stirn, zieht seine Augen misstrauisch zusammen und denkt nach. Ich glaube, er ist mir gerade auf die Schliche gekommen.

    „Was heckst du aus, Schatz?“

    „Gar nichts! Wirklich! Ich möchte nur so gern wissen, was Oma immer für Briefe schreibt und wieso sie jedes Jahr zur selben Zeit so verändert ist. Bitte erzähl‘ es mir!“ bettele ich ihn an.

    Er zieht er eine verständnisvolle Grimasse und nickt.

    „Okay, du überredest Mama zu dem Bäckerkuchen und wenn du das geschafft hast, erzähle ich dir heute Abend die Geschichte von Oma und den Briefen“, gibt Papa nach.

    Ich freue mich riesig und mache einen kleinen Sprung in die Luft. „Jetzt nur noch Mama überreden!“ denke ich und flitze zurück in die Küche. Mama ist noch verzweifelter als vorher und sieht missmutig auf die Uhr an der Wand. In weniger als 15 Minuten beginnt ihr Film. Der Teig in der Schüssel ist immer noch flüssig. Ich unterbreite ihr meinen Vorschlag, ohne ihr von Papas und meiner Abmachung zu erzählen. Zu meinem Erstaunen willigt sie sofort ein.

    Während Mama das Ende ihres Films schaut, bin ich schon bettfertig. Ich kann es kaum erwarten, dass das große Geheimnis um Oma und die Briefe endlich nach all den Jahren gelüftet wird. Papa kommt wie versprochen zu mir und setzt sich zu mir ans Bett.

    „Weißt du: Deine Oma und dein Opa hatten ein Ritual: Immer wenn er auf beruflichen Reisen war, schrieben sie sich Briefe. Er arbeitete als Vertreter im Süden und so war es ihnen möglich, beieinander zu sein, ihre Gedanken auszutauschen und ihre Gefühle auszudrücken, obwohl Opa am anderen Ende von Deutschland war. Als Opa eines Tages von einer Reise zurückkehrte, wurde er sehr krank. Irgendwann half auch keine Medizin mehr und er ging er von uns. Das war am 23. August.

    Es vergingen drei Jahre, bis Oma eines Abends, das muss ein paar Tage vor dem 23. gewesen sein, zu deiner Mutter in die Küche kam und nach Briefpapier fragte. Dann setzte sie sich hin und schrieb bis in den Morgengrauen einen sehr langen Brief.

    Am nächsten Morgen hatte sie beste Laune, sang in der Dusche, frühstückte ausgiebig und bat dann Mama, den Brief zur Post zu bringen. Die hatte sich gar keine Gedanken gemacht und ging davon, dass sie einer Freundin geschrieben hätte. Aber als sie vor dem Briefkasten stand, warf sie einen kurzen Blick auf die Adresse des Empfängers und bekam einen richtigen Schreck. Denn dort stand: An meinen geliebten Mann und besten Freund im Himmel

    Als Absenderadresse hatte Oma ihre angegeben. Mama warf den Brief nicht in den Postkasten, sondern steckte ihn in ihre Tasche und tat ihn Zuhause in eine Box.

    Als sie Oma wiedersah, fragte diese:

    „Und, hast du den Brief eingeworfen?“

    „Ja, habe ich, Mutti.“

    Sie fragte nicht weiter nach. Oma lächelte still und sagte kurze Zeit später:

    „Wenn die Post ihn nicht zu mir zurückgeschickt, dann hat er ihn bekommen.“ Sie lächelte die folgenden Tage und war sehr glücklich. Mama rührte das sehr und sie freute sich, dass ihre Mutter wieder gute Laune hatte und zufrieden schien.

    Seitdem schrieb Oma jedes Jahr einen Brief an deinen Opa und jedes Jahr bittet sie Mama, ihn zur Post zu bringen.“

    „Aber Mama hat keinen der Briefe eingeworfen, sondern alle bei uns in einer Box versteckt?“ fragte ich nach.

    Papa nickte.

    „Mama tut nichts Böses. Sie hat Oma nur so lange trauern sehen. Und jetzt schlaf gut, Schatz!“ Papa gab mir noch einen Kuss.

    An dem Abend lag ich noch lange wach und dachte nach. Ich wusste nicht, was ich von Mamas Lügen sollte. Sollte ich es gut finden, weil sie Oma in dem Aberglauben ließ, dass Opa die Briefe im Himmel bekommen hätte oder sollte ich mich freuen, dass es Oma dadurch besser ging?

    Am nächsten Morgen kam ich müde in die Küche.

    „Mein kleiner Junge! Komm, setz dich zu deiner Oma und iss mit mir einen leckeren Toast!“ Oma musste schon sehr früh gekommen sein. Es war erst 9 Uhr.

    „Mutti, ich geh‘ schnell zum Briefkasten. Pass auf, dass dein Enkel sein Frühstück isst! Bis gleich!“ rief Mama vom Flur und schwupps, war schon die Tür zugefallen und sie war weg.

    Ich schaute Oma an und wurde ganz still. Ich wusste genau, was nun geschehen würde. Sie würde mit dem Brief in der Tasche zurückkommen und Oma anlügen.

    „Iss deinen Toast, Junge. Dann wirst du groß und stark!“ sagte sie und schaute mich eindringlich an.

    „Vermisst du Opa sehr?“ sprang es aus meinem Mund.

    Oma lächelte und nickte.

    „Ja. Ich habe ihn sehr geliebt und liebe ihn bis heute aus ganzem Herzen. Ich wünschte, wir hätten länger miteinander gehabt.“

    „Geht es dir besser, wenn du ihm schreibst?“ fragte ich mutig weiter.

    Wieder nickte Oma und lachte dann kurz auf.

    „Es macht mir so einen Spaß, ihm zu schreiben und alles zu erzählen, was wir so erleben. Ich habe viel Freude daran. Aber am meisten freue ich mich darüber, dass deine Mutter denkt, ich wüsste nicht, dass sie die Briefe nicht abschickt. Sie hat zu viel Angst vor meiner Traurigkeit.“

    „Oma! Du weißt davon?“ fragte ich überrascht. „Aber…?“

    „Setz dich, Junge. Natürlich weiß ich es. Sie macht sich immer solche Sorgen um mich. In den Briefumschlägen sind immer ein Brief an meinen geliebten Mann und ein Brief an euch. Manchmal auch Fotos und Dinge, die ich hübsch finde, Sprüche zum Lachen und wichtige Zeitungsausschnitte. Wenn ich mal nicht mehr bin, dann hoffe ich, dass sie sie lesen wird. Aber bis dahin musst du es für dich behalten. Versprichst du mir das?“ grinste Oma.

    Meine Oma! Man durfte sie nicht unterschätzen. Ich war unglaublich stolz darauf, mit ihr an diesem Morgen dieses Geheimnis zu teilen.

    „Ich bin wieder da!“ rief Mama und kam kurz darauf zu uns in die Küche.

    „Hast du den Brief eingeworfen, Schatz?“ fragte Oma.

    „Ja, Mutti. Deshalb war ich doch eben weg.“

    Sie gab Oma einen Kuss. Während sie neues Wasser in den Wasserkocher laufen ließ, grinsten Oma und ich uns an.

    „Guten Morgen zusammen!“ sagte Papa müde und stolperte im Schlafanzug an den Küchentisch. „Habe ich etwas verpasst?“

    „Nein!“ antworteten Oma und ich gleichzeitig.

    Meine Eltern schauten uns unverständlich an. Von jetzt an hatten wir ein gemeinsames Geheimnis.